Weihnachtswünsche

„Verfluchtes Mistvieh, ich bringe dich um!“, schrie Florian Lehmann aufgebracht. Danach sah die Situation allerdings überhaupt nicht aus, ganz im Gegenteil. Er hatte sich gerade noch mit einem beherzten Sprung retten können, bevor zwei prachtvolle weiße Zahnreihen unmittelbar vor seiner ziemlich blass gewordenen Nase krachend aufeinander schlugen. Viel hätte nicht gefehlt, dann wäre Florians ausgeprägter Zinken amputiert worden. „Blöde Töle“, setzte er schon sehr viel verhaltener hinzu. Der riesige Hund knurrte grimmig. Es war wohl keine gute Idee gewesen, nach ihm zu treten. Musste er aber auch den ganzen Stollen auffressen? Klar, er hatte ihn nicht gefüttert, doch das war schließlich nicht abgemacht gewesen. Niemals hätte er auf die Bitte seines Kumpels Locke eingehen dürfen, Freundschaft hin oder her. Was hatte der ihn bekniet: „Bitte Floh, nur für eine Nacht. Ich habe was vor, und wenn ich Pluto allein in der Wohnung lasse, macht er mit seinem Jaulen das ganze Haus wach.“ Locke war der Einzige, der ihn immer noch mit seinem alten Spitznamen ansprach. Florian Lehmann hörte das nicht gern, denn dieser Name stammte genauso wie seine Freundschaft mit Locke aus einer Zeit, die er längst hinter sich gelassen hatte. Natürlich hätte er sich denken können, dass die nächtliche Abwesenheit seines Kumpels keine legalen Gründe haben dürfte. Aber dass der ein Juweliergeschäft ausrauben wollte, das hatte er wirklich nicht ahnen können. Natürlich war dieser Plan einige Nummern zu groß gewesen, mit der Folge, dass Locke nun für unabsehbar lange Zeit gesiebte Luft atmen würde. Und er hatte dessen Höllenhund, der offenbar eine heftige Abneigung gegen ihn hegte, an der Backe. Das musste er schleunigst ändern. Auf keinen Fall konnte er ihn ins Tierheim bringen, da würde man ihm nur neugierige Fragen stellen und er wollte auf keinen Fall riskieren, dass eine Verbindung zwischen ihm und Locke hergestellt werden konnte. Er würde seinen makellosen Ruf nicht wegen eines blöden Drecksköters riskieren. Das Vieh musst verschwinden und zwar endgültig. Vorsichtig, um den Hund nicht zu reizen, begab er sich rückwärts in den Flur. Was für eine Rasse war das überhaupt? Eine Kreuzung aus Berner Sennenhund und Hovawart hatte sein Freund behauptet. Für ihn sah er eher nach einem Löwen aus. Einem mageren Löwen, ein üppiges Leben hatte er wohl auch bei Locke nicht gehabt. Na, egal. Florian nahm die Leine vom Haken, die eher ein besserer Strick war. „Komm Pluto“, lockte er den Hund. Dem war der innere Zwiespalt deutlich anzumerken, seine Freude auf einen Spaziergang wurde von seinem Misstrauen gedämpft. Nur zögernd kam er näher und ließ sich schließlich willig anleinen. Als er ins Auto sprang, war sogar die Andeutung eines Schwanzwedelns zu erkennen. Das wurde noch freudiger, als sie außerhalb der Stadt in einem Waldstück anhielten. Einsam war es hier, weit und breit kein Mensch zu sehen. Pluto streifte aufgeregt schnüffelnd zwischen den Bäumen umher und bekam so überhaupt nicht mit, wie Florian die Leine um einen Baumstamm schlang. „Tschüss, auf Nimmerwiedersehen“, murmelte er, während er sich entfernte. Arschkalt war es heute, jetzt ging auch noch ein unangenehmer Eisregen nieder. Florian beeilte sich, in sein Auto zurückzukommen. Das wäre erledigt, jetzt musste er sich sputen, um rechtzeitig an seinen Arbeitsplatz zu kommen.

Florian Lehmann liebte seinen Job und er erledigte ihn ausgezeichnet. Als Kaufhausdetektiv in Berlins erstem Nobelkaufhaus war er sehr erfolgreich, was ihm so manche Fangprämie einbrachte. Niemand hier ahnte, wo und wie er seine speziellen Fähigkeiten erworben hatte. Eine gewisse Zeit lang war er auf der anderen Seite tätig gewesen. Aus dieser Zeit stammte auch sein Spitzname Floh, den er seiner zierlichen Gestalt und seiner Behändigkeit verdankte. Nie war er erwischt worden, doch irgendwann war ihm die Sache mit den Ladendiebstählen zu heiß geworden. Die Kaufhäuser hatten ziemlich aufgerüstet, was die Überwachungstechnik betraf. Und er verspürte nicht die geringste Lust, irgendwann einsitzen zu müssen, wie viele seiner ehemaligen Kumpane. Für die war er jetzt seriös geworden, denn niemals würde er einer Menschenseele anvertrauen, dass er einem sehr lukrativen Nebenerwerb nachging. Florian stieg in Privathäuser ein, wobei er äußerst umsichtig vorging. Zuerst spionierte er seine potentiellen Opfer aus. Niemand schöpfte Verdacht, wenn er sich an die Fersen eines besonders betucht wirkenden Kunden heftete. Das war schließlich seine Aufgabe! Viele fühlten sich in diesem Einkaufstempel wie zu Hause und plauderten vertraulich mit den Verkäufern. Auch auf diesem Wege erfuhr man eine Menge. Sein neuestes Zielobjekt war eine elegante alte Dame, die hier regelmäßig ihren wertvollen Schmuck und ihre Designerkleidung spazieren führte. Längst wusste er , dass sie verwitwet war und allein in einem großen Haus lebte, in dem sich auch noch die wertvolle Münzsammlung ihres verstorbenen Gatten befand. Florian hatte das Haus unauffällig in Augenschein genommen. Die Kellerfenster und die Fenster in der ersten Etage waren vergittert. Die Alarmanlage war jedoch eine Attrappe, das erkannte er mit geübtem Blick sofort. Es kam gar nicht selten vor, dass so etwas installiert wurde. Die Bewohner vieler Häuser waren von teuren Fehlalarmen genervt und glaubten, mit einer Imitation potentielle Einbrecher hinreichend abschrecken zu können. Nicht aber einen Experten wie Florian! Die Weihnachtsgirlande, die den Eingang des Hauses umrahmte, verwandelte sich in seinen Augen in ein Geschenkband. Er war ein geübter Fassadenkletterer, der den Einstieg über das Dach bevorzugte. Das passende Dachfenster hatte er bereits ausgewählt, nun wartete er nur noch auf den richtigen Zeitpunkt. Der schien nach einer Woche gekommen zu sein. Seine Zielperson, die das Kaufhaus wieder einmal beehrt hatte, um für die am Heiligabend erwarteten Kinder und Enkel die letzten Geschenke zu kaufen, nahm die Wünsche des Personals für ein schönes Fest entgegen. „Es wäre schön, wenn wir noch Schnee bekommen würden“, sagte sie gerade. „Für mich gehört das einfach zum Weihnachtsfest dazu. Meine Nachbarn sind heute in die Dominikanische Republik abgeflogen. Das wäre nichts für mich.“ Besser konnte es nicht laufen. Die Nachbarn verreist, die Kinder noch nicht in Sicht. Heute oder nie, sagte sich Florian Lehmann.

Der Notruf ging um 2.00 Uhr nachts in der Zentrale ein. „Der Einbrecher ist noch im Haus?“, fragte die Beamtin, die den Anruf entgegennahm. „Schließen Sie sich im Zimmer ein, machen Sie Licht und bewegen Sie sich laut. Ein Streifenwagen ist ganz in der Nähe, die Kollegen werden in wenigen Minuten da sein.“

Als die Polizisten vor dem Haus ankamen, öffnete sich zu ihrer Verblüffung die Tür und sie sahen sich einer lächelnden alten Dame in einem fliederfarbenen Morgenrock gegenüber.

„Sind wir hier richtig? Wurde bei Ihnen eingebrochen?“, fragte der älteste der Beamten, ein stämmiger Mann mit einem Schnauzbart.

„Ja“, erwiderte die Dame fröhlich, „der Einbrecher ist noch da. Sie können ihn gleich mitnehmen.“

Der Beamte starrte sie ungläubig an, während seine beiden jüngeren Kollegen unwillkürlich nach ihren Dienstwaffen griffen. „Keine Sorge“, lachte die Frau, „ich habe ihn im Keller eingesperrt.“ Noch immer stumm vor Erstaunen folgten die drei Polizisten der Hausherrin in die geräumige Diele. Vor der Kellertür saß ein riesiger Hund, der ihnen argwöhnisch entgegen starrte. „Alles gut, Hasi“, beruhigte ihn sein Frauchen, „die Männer wollen uns helfen.“

Der Hund ließ sich willig von ihr zur Seite führen, worauf sie die Kellertür aufschloss und der vor Angst schlotternde Florian Lehmann aufgefordert wurde, mit erhobenen Händen nach oben zu kommen. Dort schnappten die Handschellen zu. Der ältere Beamte sah sich kurz im Haus um. „Einstieg durch das Dachfenster“, stellte er fest. „Sollte mich nicht wundern, wenn wir endlich unseren Klettermax gefunden haben. Dadurch wird eine lange Einbruchsserie endlich aufgeklärt.“

„Einen treuen, wachsamen Hund haben Sie“, bemerkte sein jüngerer Kollege. „Aber Hasi ist schon ein merkwürdiger Name für so ein großes Tier.“

Die alte Dame zuckte mit den Schultern. „Seinen richtigen Namen kenne ich nicht. Als ich ihn nass und frierend im Wald fand, von einem gewissenlosen Menschen an einen Baum gebunden, da habe ich spontan gesagt: „Du armes Hasi! Er hat freudig darauf reagiert. Also blieb es bei dem Namen.“ Sie hoffte, dass die Polizisten sie nicht fragen würden, was sie im Wald gesucht hatte. Nur ungern hätte sie zugegeben, dass sie sich frisches Tannengrün stibitzen wollte. Das in den Geschäften angebotene Zeug verlor doch immer schon die Nadeln. Doch die interessierte zum Glück etwas anderes.

„Der Hund wurde ausgesetzt? Haben Sie das gemeldet?“

„Natürlich. Aber er hatte keinen Chip und keine Hundemarke, der Halter konnte nicht ermittelt werden. Damit er nicht ins Tierheim musste, habe ich angeboten, ihn mitzunehmen und erst einmal richtig aufzupäppeln. Mein größter Weihnachtswunsch ist es ja, ihn behalten zu dürfen.“

„Ich nehme stark an, dass er sich erfüllen wird“, meinte der stämmige Beamte lächelnd. „Derjenige, der ihn ausgesetzt hat, wird sich hüten, sich freiwillig zu melden. Ihn erwartet eine saftige Strafe.“

„Das wäre mein zweiter Wunsch“, erwiderte die Frau lebhaft. „Derjenige, der dem armen Tier das angetan hat, soll seine gerechte Strafe dafür bekommen.“

Nur einer der Anwesenden erkannte mit schmerzhafter Klarheit, dass auch dieser Wunsch bereits in Erfüllung gegangen war.

4 Gedanken zu „Weihnachtswünsche

  1. Elke Heinze

    Hallo liebe Ilona,
    so ganz ohne Krimi geht es ja doch nicht bei dir ab *schmunzel*. Aber die amüsante Variante macht sich richtig gut. Mit dem Namen Hasi hast du die Sache vielleicht ein kleines bisschen überzogen, aber ich hatte meinen Spaß an der Geschichte. Man kann sich den guten Floh, bewacht von Hasi/Pluto, so richtig vorstellen. Danke für die schöne Weihnachtsgeschichte.
    Herzliche Grüße
    Elke

    Antworten
    1. Fiona Limar

      Liebe Elke, schön, dass es dir gefallen hat. Dieses „Hasi“ geht ausgerechnet auf eine wahre Begebenheit zurück. Da war der große Hund auf dem Foto tatsächlich in einen Wolkenbruch geraten (was ihm im Grunde nichts ausmachte) und ein Bekannter ertappte mich dabei, wie ich den Hund abfrottierte und sagte: „Armes Hasi, bist ja ganz nass geworden!“ Er fand das „Hasi“ angesichts der Größe des Hundes so absurd, dass er sich vor Lachen kaum einkriegte. Daran musste ich beim Schreiben denken. Und meinem geliebten Hovawart konnte ich mal wieder ein kleines Denkmal setzen.
      Liebe Grüße Ilona

      Antworten
  2. Heidemarie Rabe

    Hallo, liebe Fiona, eben jetzt bin ich auf Deine schöne Weihnachtsgeschichte mit „Hasi“ gestoßen, die ist ja wirklich toll. Ich habe geschmunzelt. In Dir steckt ja wirklich eine Kriminalistin! Nicht nur Deine anderen Krimis sind toll, auch die Kurzgeschichte hast Du Klasse geschrieben! Danke für die nette UKnterhaltung!
    Liebe und herzliche Grüße
    Heidi

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.